Der Unermüdliche. Auf Spurensuche in der Lagunenstadt

Beitrag vom 30. September 2018 · in Allgemein · von Prof. Dr. Roland Fritz, M.A.

In jüngster Zeit ist er wieder einmal in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit gerückt: Alvise Contarini, venezianischer Adliger, Diplomat und gerne als „erster Mediator“ bezeichnet.

Daniel Kehlmann erwähnt ihn „als unermüdlichen Menschen“ zum Ende seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises am 3. September 2018 in der Berliner F.A.Z.-Redaktion:

„Zuletzt danke ich Alvise Contarini. Sie kennen ihn vielleicht nicht. Kaum einer kennt ihn. Er war Botschafter Venedigs bei den Friedensverhandlungen in Westfalen. Man muss sich das vorstellen: Katholische Gesandte durften nicht mit protestantischen sprechen und Gesandte des Kaisers nicht mit denen des Königs von Frankreich. Wie sollte man da Frieden schließen? Einzig Contarini hatte die Erlaubnis, mit allen Seiten zu reden; als Vermittler eilte er unermüdlich, jahrelang zwischen den Parteien hin und her.
Alle Absprachen, alle Diskussionen, alle Einigungen, die den Krieg schließlich beendeten, wurden von ihm geformt, betrieben und möglich gemacht. Aber keiner kennt ihn. Man kennt Wallenstein, man kennt den Kaiser und Gustav Adolf von Schweden, man kennt notfalls noch Tilly und Torstensson, all die Meister des Tötens, aber Contarini wurden keine Lieder gesungen, keine Stücke wurden über ihn geschrieben, ihm wurden weder Biographien gewidmet noch Filme, noch Gedenkveranstaltungen. Doch auf die große und pathetische Frage, was die Welt denn braucht, damals, heute, allezeit, gibt es eine schlichte Antwort: Menschen wie ihn.“
FAZ.net

Kehlmann ist beizupflichten: Kaum einer kennt ihn – sieht man einmal von der Mediatorenszene in Deutschland und den Münsteranern ab! Und doch war er einer der ganz Großen, was Vermittlung, Ausdauer und Verhandlungsgeschick anbelangte.
Dass er so vielen unbekannt ist, mag auch mit der Verwirrung um seinen in Deutschland gebräuchlichen Namen handeln: teilweile als Alvise Contarini bezeichnet, dann wieder als Aloysius Contareno. Gemeint ist aber stets jener geschickter Verhandler aus der Republik Venedig, der am 23. April 1597 geboren wurde und am 11. März 1651 verstorben ist.
Wo, wenn nicht in seiner Heimatstadt, sollte es daher möglich sein, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen?

Begibt man sich in der Lagunenstadt auf Spurensuche, schlendert in die nördlichen Teile Venedigs, passiert das Ghetto, überquert Rio Della Sensa und Rio Madonna Dell’Orto, dann wird die Aufmerksamkeit unvermittelt von dem Straßenschild „Fondamenta Gasparo Contarini“ in Anspruch genommen.

Gewiss, damit ist nicht der Mediator gemeint, sondern der berühmte Kardinal der Republik Venedig, der mit dem Straßennahmen geehrt werden soll. Lässt man dann jedoch den Blick schweifen, so gerät – unweit davon – die Kirche Madonna dell’Orto ins Blickfeld.

Und dort, in der Familienkapelle, findet sich dann auch die letzte Ruhestätte des Meisterdiplomaten und Mediators. Seinem unermüdlichem und geschicktem Einsatz verdankt die Welt nach 30 Jahren Krieg und schätzungsweise mehr als 6 Mio. Toten den lang ersehnten (Westfälischen) Frieden vom 24. Oktoberr1648. Ihm zu Ehren wurde dann im Jahre 1653 das Grabdenkmal errichtet.

Über den Autor

Prof. Dr. Roland Fritz, M.A.

Zertifizierter Mediator Mediator, WirtschaftsMediator, Supervisor, Rechtsanwalt

Prof. Dr. Roland Fritz verfügt über eine lange juristische Karriere. Er war als Richter tätig, arbeitete einige Jahre beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, wurde Präsident des Verwaltungsgerichts Gießen, später Präsident des Verwaltungsgerichts in Frankfurt/Main und ist seit 2002 ebenfalls Honorarprofessor an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Seit 2013 ist er als Rechtsanwalt zugelassen.

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